Pressestimmen
Die Akte Tschaikowsky - Bekenntnisse eines Komponisten

Bio-Pics müssen nicht langweilig oder altertümlich sein. Ralf Pleger, preisgekrönter Filmemacher, beweist das für Arte gern: »Die Akte Tschaikowsky – Bekenntnisse eines Komponisten« entblättert die erotische Seite des russischen Genies. Peter I. Tschaikowsky (1840–1893) war schwul – und er wusste sein Liebesleben hervorragend zu organisieren. Aus dem Off monologisiert der Film mit Auszügen aus seinen Briefen und Tagebüchern. Frivol, sogar de"ig spricht der gefühlsstarke Künstler von seinen Abenteuern. Damit man nicht im historischen Ambiente zwischen Frackschößen absäu", zeigt Pleger dazu junge Männer von heute: am Pool, auf der Bettkante. Fast tot in der Wanne. Schließlich ist Gewalt gegen Schwule keineswegs nur Vergangenheit – auch das zeigt der Film. Ausschnitte aus Boris Eifmans Ballett »Tschaikowsky«, getanzt von Vladimir Malakhov und Wieslaw Dudek, sowie »Schwanensee«-Musik lassen schwelgen – und Experten helfen, die Künstlerseele zu verstehen.
JUNGE WELT

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Tschaikowsky war keine tragische Tunte: Mit dem Bruder teilte Peter Tschaikowsky seine Erlebnisse in den Darkrooms seiner Zeit. Der Komponist führte ein heiteres schwules Leben. Wie ein spektakulärer Fernsehfilm zum 175. Geburtstag zeigt.

Der Musikspezialist Ralf Pleger hat bereits mit "Die Akte Beethoven" und "Wagnerwahn" fast schon so etwas wie eine Formel für die antischulfunkhafte, konsequent zeitgenössische Bebilderung solcher Biografien und Problemstellungen gefunden. Und so offenbart er auch diesmal keinen tuntigen Ufa-Plüsch (zu dem paradoxerweise deren Tschaikowsky-Biopic durch die Schwulenikonen Rökk und Leander, die hier "Nurrrrr nicht aus Liebe weinen" röhren darf, längst geworden ist).

Wir sehen und hören Plegers Tschaikowsky als Stimme aus dem Off in oft verschwommenen, kalt glühenden Bildern als Bewunderer junger Männer in anonymen Hotelzimmern, wo selbst das Duschwasser an den Glaswänden kühl, aber geil zu glitzern scheint, oder im Dachpool vor der Silhouette des Doms von Florenz, wo der Komponist im Süden Entspannung jeder Art suchte – was sich später in dem Streichsextett "Souvenir de Florence" kreativ niederschlagen sollte.

Doch Pleger kann's auch opernhaft, wenn er das Boy-Toy Tschaikowskys "Nur wer die
Sehnsucht kennt" singen lässt oder als Schwanenseekönig nebst totem Federvieh inszeniert, die Transen aufmarschieren oder die Kamera durch den Brautmodenladen schwenkt. Der Komponist, der sich in Moskau wie den westlichen Metropolen durchaus seine schwulen Gegenwelten zu suchen versteht, will trotzdem "dagegen kämpfen, abartig zu sein" und sich "seine perversen Leidenschaften aus dem Herzen reißen". Er schafft es nicht, opfert aber die sexuelle Lebensqualität der Karriere und komponiert schwelgerische, so introvertierte wie extrovertierte Musik, die immer wieder auch von ihm selbst erzählt.

Eine bunte Expertentruppe ist in dieser packenden Collage versammelt und effektvoll vor die Kamera gestellt worden: eine deutsche Musikwissenschaftlerin und ein amerikanischer Biograf, ein Schweizer Psychologe, der über den "fäkalen Code" in diesen Briefen Auskunft gibt, dazu der auf einem Sofa sich räkelnde Ballettstar Vladimir Malakhov, den man auch als Tschaikowskys tänzerisches Alter Ego erlebt, und der flamboyante Organist Cameron Carpenter.

Die latente Bedrohung, der die historische Figur ausgesetzt war, wird immer wieder mit
Dokumentaraufnahmen von Schwulenhatz im aktuellen Russland kontrastiert. Doch die
letzten Geheimnisse, die genauen Umstände seines Choleratodes, über den es Theorien vom Selbst- bis zum Fememord gibt, die kann und will auch dieser Film nicht lüften.
DIE WELT

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Ein junger Mann mit dickem Lidstrich um die Augen sitzt mit Schlafzimmerblick im
Morgengrauen auf der Bettkante. Die mit Metallstacheln gespickte Lederjacke ist schon halb angezogen, der junge Mann hängt offenbar der vergangenen Liebesnacht nach – und singt einen traurigen Popsong. Wahrheit oder Fiktion? Diese Szene ist sicherlich Fiktion und hat mit dem Leben von Peter I. Tschaikowski so ganz direkt eher gar nichts zu tun. Aber gerade das ist der Reiz dieses Films von Ralf Pfleger. Der preisgekrönte Filmemacher hat schon Dokus über Simone Young, die scheidende Intendantin der Hamburgischen Staatsoper, sowie den Aufsehen erregenden Beinahe-Thriller „Wagnerwahn“ gedreht. Jetzt hat er sich „Die Akte Tschaikowsky“ vorgenommen und verrät im Untertitel, was er enthüllt: „Bekenntnisse eines Komponisten“. Denn Pjotr war schwul, und wer das noch immer nicht wahrhaben will, der wird hier ziemlich drastisch eines Besseren belehrt.
BALLETT JOURNAL